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Der erste Versuch, ein Goldblatt aus dem Heftchen zu lösen, es auf dem Goldkissen abzulegen, es zu schneiden, wieder aufzunehmen, um es auf einem Objekt passgenau zu platzieren, wird in der Regel von einer deutlich sichtbaren Anspannung begleitet. In jeder Bewegung, ja mit jedem Atemzug wird das Bewusstsein spürbar, mit einem außergewöhnlichen und kostbaren Gut umzugehen. Die Erkenntnis, dass sich das Blattgold schon beim kleinsten Windstoß oder beim geringsten Hautkontakt sofort seiner Verwendung entzieht, wirkt dabei nicht eben beruhigend. Vielleicht wird aber gerade durch diese demonstrierte Unnahbarkeit des mystische Aura, die den Begriff Gold im Allgemeinen umgibt, in besonderer Weise bestätigt. Vielleicht liegt der Reiz des Blattgoldes aber auch nur darin, dass sich hier die Bedeutung des Wortes „hauchdünn“ höchst anschaulich vor Augen führt.
In jedem Fall ist der routinierte Umgang mit den schwer zu bändigen Goldplättchen für den Laien besonders spektakulär. Nicht selten wird deshalb der eigentliche Vorgang des Vergoldens, also das Belegen einer Fläche mit Blattgold, als die herausragende Fertigkeit dieses Handwerks betrachtet. Für viele ist das Vergolden-Können sogar im Wesentlichen auf diesen Vorgang, das sogenannte Anschießen reduziert. In Wahrheit aber spielt das Anschießen für die Qualität einer Vergoldung eine fast untergeordnete Rolle! Zumindest hängt das Erscheinungsbild blattvergoldeter Oberflächen am wenigsten vom Blattgold selbst ab. Ob eine Vergoldung hochglänzend oder stumpfmatt, glatt oder rau erscheint, kann verständlicherweise von einem 1/10.000 mm „dicken“ Goldblättchen kaum entscheidend beeinflusst werden. Wie haltbar eine Vergoldung ist, ob sie der Witterung standhält oder nur für Innenräume geeignet ist, kann ebenso wenig vom Blattgold allein abhängen, denn dessen physikalische und chemische Eigenschaften sind unveränderliche Faktoren, im Außenbereich wie in geschlossenen Räumen. Selbst das Aussehen einer gealterten Vergoldung wird, abgesehen vom mechanischen Abrieb, in erster Linie von der Versprödung oder Vergilbung der mit ihr verarbeitenden Bindemittel und Tönungsmaterialien hervorgerufen. Das Blattgold selbst ist keinen solchen Alterungsveränderungen unterworfen. Das Anschießen ist bei der Erstellung von vergoldeten Oberflächen also lediglich eine technische Disziplin, die aber gegenüber den Anforderungen für den Gesamtaufbau der Vergoldung deutlich zurücktritt. Denn sämtliche Oberflächeneffekte und alle möglichen Einsatzgebiete von Blattvergoldungen werden fast ausschließlich von dem Schichtenaufbau bestimmt, der dem Blattgold zugrunde liegt. Diesen Unterbau fachgerecht herzustellen und dessen Bearbeitungsmöglichkeiten optimal auszuschöpfen, das sind die Hauptanforderungen dieses Handwerks.
Vergolden-Können heißt deshalb vor Allem, sich Kenntnisse über verschiedene Untergründe, ihre Eigenschaften und Beschichtungsmöglichkeiten anzueignen. Das bedeutet zwangsläufig das Ausführen von so wenig attraktiven Tätigkeiten wie Grundier- und Schleifarbeiten. Es heißt auch, sich mit nicht immer leicht zu beschaffenden Werkstoffen auseinander zu setzen, deren schwankenden Qualitäten oft genug ein Arbeiten nach erprobten Rezepturen erschweren. Es bedeutet, mit manchmal exotisch anmutenden Werkzeugen umzugehen, deren richtige Handhabung sich meist nur sehr mühsam erarbeiten läßt. Geduld, auch mit sich selbst, ist eine hilfreiche Vergoldereigenschaft, denn Vergolden heißt, sich überwiegend mit zeitraubenden und mühevollen Vorarbeiten zu beschäftigen.
Die edelste, zugleich aber auch handwerklich anspruchvollste aller Blattvergoldungstechniken ist die Polimentvergoldung. Diese Vergoldungstechnik wird von Antik & Art mainz angewandt. Der Name bezeichnet das Charakteristikum dieser Technik, das sogenannte Poliment, eine besonders aufbereitete Tonerde (Bolus), die dem Blattgold als unmittelbare Unterlage dient. Diese Schicht und die darunterliegende Kreidegrundierung bilden zusammen den Untergrund, der das Polieren des Goldes auf Hochglanz überhaupt erst ermöglicht.
Der vorstehende Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors Hans Keller, dem Buch “Vergolden - Das Arbeiten mit Blattgold” entnommen. Das empfehlenswerte Buch ist im Callwey-Verlag erschienen.
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